Loslassen. Wachsen.

wachsen
Bambus in meinem Garten

Hallo, liebe(r) SiLBERGRAUMETALLiC – Leser(in), herzenswarme, fröhliche, liebevolle, Mai – grüne, witterungstechnisch doch recht kühle Grüße aus dem leider sehr trockenen Bielefeld.

Wenn ich so gegen Abend auf meinem kuschligen Sofa sitze (immer noch mit Decke und manchmal Heizung an) und meinen Blick in meine Bambus – Wildnis schweifen lasse, dann bemerke ich, wie schön GRÜN es draußen doch schon geworden ist. Der Frühling ist in vollem Gange. Wer sich noch an meine beiden Beiträge über die Besuche bei Prof. Dr. Garten #1 und #2 aus dem vergangenen Herbst erinnert, in dem ich über meine Storchenschnabel – Rausreiß – Aktivitäten in meinem Vorgarten berichtete, der weiß, dass ich damals voller Vorfreude auf mögliche, kommende Blühsensationen eine nicht kleine Anzahl Blumenzwiebeln in die Erde gebuddelt hatte. Nach vielen Narzissen und noch mehr Tulpen, erfreue ich mich jetzt an einer Vielzahl von eleganten lila Alliumkugeln, die filigranschwebend über dem Beet wogen. Es ist eine Pracht! Und irgendwie wundere ich mich immer wieder, wie es möglich ist, dass sich aus so unscheinbaren Zwiebeln unter der Erde nach ein paar Monaten so herrliche Gewächse entfalten. Grandios.

Die Dinge funktionieren, wenn wir sie geschehen lassen.

Wer hätte im letzten Herbst ahnen können, was uns alle global seit Wochen beschäftigt und weltweit jeglichem Handeln förmlich ‚die Krone aufsetzt‘. Wie geht es Dir in dieser Zeit, in der wir uns gerade wieder in der ‚Neuen Normalität‘ (was für ein blöder Ausdruck übrigens ..) zurechtfinden müssen? Diese Frage ist nicht rhetorisch, ich meine sie ganz ernst.

Ich weiß nicht, welchem Lager du in dieser Zeit angehörst – eher ängstlich oder eher rebellisch – ich habe in den letzten Wochen bemerkt bei mir selbst sowie in meinem Umfeld als auch globalgalaktisch, dass alle irgendwie, scheinbar auf allen Ebenen mit dem zu kämpfen haben/hatten, was grad ‚ihr persönliches‘ Thema ist – im innen sowie im außen. Es geht an’s sogennannte ‚Eingemachte‘ – persönlich, politisch, wirtschaftlich. Krisen wirken wie ein Brennglas, sie vergrößern, was da ist und Brenngläser – oh Wunder –  setzen manchmal auch Dinge in Brand!! Gut, wenn wegbrennt, was eh weg kann. Was aber, wenn etwas Feuer fängt und du hast das Gefühl, du hast keine Kontrolle (mehr) über das, was brennt? Kurzarbeit, Insolvenz, Streß in der Partnerschaft – zwei meiner Therapeutenkolleginnen sprachen davon, dass ihnen gerade ihre Ehe um die Ohren flöge. Nun ja – ich ahne, wovon sie sprechen .. Ausnahmesituation. Aber, sind wir doch mal ehrlich, die Krise hat diese Szenarien wohl nicht verursacht, sondern ’nur‘ an die Oberfläche gebracht, was eh schon länger schwelte. Sei es personell oder eben auf anderer Ebene. Krise bedeutet ‚Ent – Scheidung‘. Das, was unerschütterlich ist, das bleibt und wird bestenfalls veredelt. Alles andere kann weg. Alles, was nicht ‚Kunst‘ ist, kann weg, um es mal mit Josef Beuys zu sagen.

Die Kunst, einfach zu Leben. Lebe wohl.

Aber worin besteht die ‚Kunst‘ in diesen Tagen? Ich glaube, es ist die Kunst, unter allen Umständen ruhig und gelassen zu bleiben. Bei allem, was im Aussen und im Innen meint, auf uns einströmen zu müssen. Viel Wahres, Unwahres, Spekulatives, Verschwörerisches umwabert uns und macht uns Angst. Oder versucht es zumindest. Von einer Freundin bekam ich in diesen Tagen ein ‚Lebe wohl‘ mit auf den Weg. Was wie ein Abschiedsgruß klingen sollte, verwandelte sich in meinen Ohren und in meinem Herzen zu einer liebevollen Aufforderung, zu einer Erinnerung, mich ernst zu nehmen in meinen Wünschen und Bedürfnissen – und ganz einfach jeden Tag mein Leben ‚wohl zu leben‘. Gerade in diesen herausfordernden Umständen. Der Duden erklärt ‚wohl‘ mit so schönen Worten, wie ‚angenehm; behaglich; gut, in genügender Weise‘. Es ist eine Wohltat, es sich selbst ‚wohl‘ ergehen zu lassen, ein Akt der Selbstliebe und des tiefen Respekts dem Leben gegenüber. Und es meinem Mitmenschen ebenso ‚wohl‘ ergehen zu lassen, indem ich auf ihn achte und schaue, was ich ‚wohltuendes‘ tun kann.

Damit will ich die aktuellen Probleme keineswegs klein reden. Die Auswirkungen sind Realität, da helfen auch keine noch größeren Rettungsschirme oder irgendwelche Impfstoffe gegen doch wieder mutierende Virenstämme. Mir hilft, wie so oft, ein Besuch bei Prof. Dr. Garten. Vor ein paar Tagen stand ich dort mit einer guten Freundin und wir sinnierten beide vor uns hin. Mein unkrautiger Bambus ist mir in diesem Falle mein Lehrmeister. Bambushalme sind schlank, biegsam, elastisch und weisen eine unglaubliche Festigkeit auf. Das bemerke ich regelmäßig, wenn ich mein Bambuswäldchen stutze und versuche, die abgeschnittenen Halme in die Tonne zu stopfen. Funktioniert nicht, sie lassen sich nicht zerbrechen. Die sagenhafte Festigkeit dieser Süßgräser entsteht durch die knotigen Verdickungen zwischen den einzelnen Segmenten. Der Bambus ’schießt‘ in die Höhe, dann kommt es ‚ganz dicke‘, der Knoten bildet sich – und dann geht’s weiter. Aber in einer neuen Dimension, einer neuen Etage.

Die neue Dimension, die neue Etage.

Vielleicht sehen wir Krisen doch mal in diesem Licht. Das Leben – die Knotenbildung – passiert. Ohne unser Zutun. Wie besonnen ich darauf reagiere, das trägt auch dazu bei, wie die neue Ebene aussieht. Vertrauen wir doch einfach der ’neuen Etage‘. Lassen wir alte Gewohnheiten, Überzeugungen, Vorstellungen, Erwartungen, Schuldgefühle, auch Menschen, die uns ein Stück begleitet haben, dankbar los und öffnen uns dem Leben in dem Vertrauen, dass wir alles schon haben, was wir brauchen. Und dass sich alles entwickelt, wenn wir unsere Schritte treu setzen. Das ist ein Prozess. Mitten in der Krise. Vertrauen wir uns dem Leben an wie ein Bötchen. Ich meine nicht die Nussschale, die mal hierhin, mal dorthin schlingert. Ich meine eher die königliche Flotte, die das Steuer in der Hand hat und sich selber steuert, anstatt zu versuchen, ein Flußbett für den Strom zu schaffen. Das lerne ich in dieser Krise. Das ist (m)ein Schatz. – In diesem Sinne – bleib gesund und ‚lebe wohl‘ ..

Die oberste Aufgabe, zu der wir berufen sind, ist für jeden, sein eigenes Leben zu führen.

Michel de Montaigne

garten#2
Meine prachtvollen Alliumkugeln
garten#1
Mein kleines Kräutergärtchen mit Thymian & Rosmarin

 

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